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Goethe als Autographensammler

Johann Wolfgang von Goethe was a famous autograph collector. Siegfried Reiter's article about the poet as collector was first published in "Der Autographen-Sammler".
Published on 23 Sept. 2018

Siegfried Reiter


Sammler von Handschriften bedeutender Personen hat es wohl zu allen Zeiten gegeben, und die Liebhaberei an Autographen hat jedenfalls schon lange im Verborgenen geblüht, ehe sie zum Gegenstand öffentlicher Besprechung wurde. Systematisch zu sammeln begann man aber erst vor etwa drei Jahrhunderten in Frankreich, dem alten Sitz der Bibliographen und Bibliophilen, und die in jener Zeit zusammengebrachten Stücke, die sich vornehmlich in den Dienst der historischen Forschung stellten, bilden den Grundstock zur großartigen Autographensammlung der Pariser Nationalbibliothek. Von Frankreich verbreitete sich die Lust des Sammelns nach England, wo das Britische Museum unter seinen Schätzen eine erlesene Sammlung birgt, und schaffte sich in der klassischen Literaturperiode auch in deutschen Landen Eingang. Herrschte doch hier seit langem die sinnige Sitte, Stammbücher anzulegen, die späterhin für den Liebhaber von Eigenschriften namhafter Männer eine der ergiebigsten Quellen bildeten; denn nur aus dem "Album amicorum" manches Studiosen früherer Jahrhunderte - "Ich kann unmöglich wieder gehn, Ich muß Euch noch mein Stammbuch überreichen, Gönn' Eure Gunst mir dieses Zeichen!" lässt Goethe den Schüler zu Mephistopheles sagen - hat sich die Handschrift manches großen Gelehrten älterer Zeit erhalten.

Hatte anfangs beim Sammeln von Selbstschriften das wissenschaftliche Moment den Ausschlag gegeben, so trat dieses nach und nach gegenüber dem psychologischen Interesse in den Hintergrund. In solchem Sinne betätigte sich Goethe als Sammler von Autographen. Ihm war "Vater Gleim", dieser Virtuose der Freundschaft, mit gutem Beispiel vorangegangen, der in seinem "Freundschaftstempel" zu Halberstadt die Bildnisse älterer und neuerer Angehörigen zur dauernden Erinnerung aufstellen ließ und auch eine Sammlung von Handschriften "aus dem unschätzbaren goldenen Zeitalter der Deutschen" sein eigen nannte. Einige von dort stammende eigenhändig geschriebene Blätter vorzüglicher Männer durfte Goethe, wie er an Wilhelm Körte, den Großneffen Gleims, schreibt (13. September 1805), der gegenwärtigen und künftigen Sammlung einreihen, die fortan durch Freundesgunst ansehnlich vermehrt wurde. Den in verschiedenen Berufskreisen wirkenden Freunden, seinem Verleger Cotta in Tübingen, dem Philologen Eichstädt in Jena, dem Naturforscher Blumenbach in Göttingen, unterbreitet Goethe in wiederholten Briefen die Bitte, wenn eine merkwürdige Handschrift alter und neuer Zeit durch ihre Hände gehe, an seine "fromme" Sammlung zu denken; denn fromm sei doch wohl alles, was das Andenken würdiger Menschen zu erhalten und zu erneuern strebe (an Blumenbach, 20. Juni 1806). Besonders seit dem Jahre 1806 war Goethe darauf bedacht, diese Sammlung "sogenannter Autographen" - die uns heute geläufige Bezeichnung scheint demnach damals noch nicht allgemein im Schwange gewesen zu sein - zu vermehren, "daß er nämlich suchte und wünschte, von bedeutenden Männern der gegenwärtigen und vergangenen Zeit ein eigenhändig Geschriebenes zu erhalten und zu besitzen". Er verfolgte hierbei, wie er an Cotta am 27. April 1806 schreibt, besonders den "löblich" pädagogischen Zweck, seinen damals sechzehnjährigen Sohn August durch diese sinnlichen Zeugnisse auf bedeutende Männer der Gegenwart und Vergangenheit aufmerksamer zu machen, als es die Jugend sonst wohl zu sein pflege. Gleichzeitig erbittet sich Goethe von Cotta die besondere Gefälligkeit, ein Stammbuch anzuschaffen und die "würdigen" Männer in Stuttgart und sonst in Schwaben um die Einzeichnung eines freundlichen Wortes und ihrer Unterschrift in seinem Namen zu ersuchen. Könnte ihm Cotta außerdem noch alte Stammbücher um einen proportionierten Preis verschaffen, auch Briefe und was sich sonst für Denkmäler der Handschriften gelehrter und bedeutender Männer voriger Zeiten vorfänden, so geschähe ihm ein besonderer Gefallen. Ein Blättchen von der Handschrift Herzog Karls würde ja auch wohl irgend zu haben sein. - Einem Brief an Eichstädt (26. Februar 1806), der als Herausgeber der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung ausgedehnte Beziehungen zu den Männern der Wissenschaft hatte, legt Goethe mit dem Dank für das schöne Stammbuch, das man oft genug durchblättern könne, ohne es zu kennen, das Verzeichnis eigenhändiger Briefe merkwürdiger Männer bei, die er schon gegenwärtig besitze. Machten bis jetzt Dichter und ehedem sogenannte Schöngeister deutscher Nation die größte Zahl aus, so hofft er, durch Eichstädts Gefälligkeit auch mit den Sternen mancherlei Größe des philologischen Himmels näher bekannt zu werden. - Endlich richtet Goethe wiederholt an Blumenbach, dem er gelegentlich für einen Boerhaavischen Brief "von großem Wert" zum schönsten dankt, die Bitte, ihm ja doch Handschriften von englischen und französischen merkwürdigen Männern, auch von älteren Deutschen mitzuteilen, da er von Mitlebenden und Kurzverstorbenen viel besitze. Auch bloße Kuverte und Namensunterschriften nehme er sehr gern auf (20. Juni 1806; 23. Februar und 9. Mai 1807).

Bereitwillig kamen die Freunde, außer den genannten auch Friedrich August Wolf, Goethes Wunsch nach, dessen Autographensammlung auf diese Weise reichen Zuwachs bekam. So legt einmal Wolf einem Schreiben an Goethe (18. Juni 1814) "zwei Brieffragmente ein, wovon das eine sich vielleicht mit zu der großen chirographischen Sammlung eignet: es ist von dem Architekten Hans Genelli, Verfasser der Vitruvischen Briefe, und zeichnet den derben, gedrängten Charakter des Mannes nicht übel." Der gleichen Sammlung war auch das undatierte von Wolf an Goethe gerichtete Blatt eingereiht: "Goethio desideratissimo s.[alutem] p.[lurimam] d.[icit] Editor, W." Noch bis in die letzten Lebensjahre hielt Goethe an seiner Liebhaberei fest. Auf ein blaues Briefkuvert hinweisend, fragte er einmal Eckermann (2. April 1829), ob die Handschrift nicht auf einen Menschen weise, dem es groß und frei zu Sinne gewesen, als er die Adresse schrieb. Die sehr freien und grandiosen Schriftzüge betrachtend, riet Eckermann auf Merck, was Goethe mit den Worten verneinte, dass dieser nicht edel und positiv genug gewesen sei. Zelter habe dies geschrieben und Papier und Feder ihn hierbei begünstigt, so dass die Schrift ganz seinen großen Charakter ausdrücke: "Ich will das Blatt in meine Sammlung von Handschriften legen." Goethes großes Beispiel weckte naturgemäß zur Nacheiferung und mit gutem Fug schien es des Strebens der Edlen wert, Eigenschriften bedeutender Menschen in sichere Hut zu bringen. Neben und nach Goethe seien als deutsche Autographophilen hier nur zwei Männer genannt: Varnhagen von Ense und Wilhelm Dorow. Dem durch weitverzweigte Beziehungen zu hervorragenden Zeitgenossen begünstigten Sammeleifer des ersteren danken wir die Erhaltung ungezählter, sonst sicherem Verlust anheimgefallener Blätter, die jetzt in Varnhagens schier unerschöpflichem Nachlaß in der Preußischen Staatsbibliothek verwahrt sind und der wissenschaftlichen Forschung neue und immer neue Erträge liefern. Dorow wiederum machte aus seiner Sammlung die mehrbändigen "Denkschriften und Briefe" (Berlin 1834 ff.) ebenso wie die "Faksimiles von Handschriften berühmter Männer und Frauen" (Berlin 1836 ff.) bekannt, die dem Sammler zugleich als eine Art Behelf zur Beglaubigung etwa zweifelhafter Autographen dienen konnten.


Goethe als Autographensammler. Von Universitätsprofessor Dr. Siegfried Reiter (Prag). In: Der Autographen-Sammler. Eine monatlich erscheinende Katalogfolge des Hauses J. A. Stargardt, Berlin. Jg. II, Nr. 6, November 1937.

The article was originally published by J. A. Stargardt (Berlin). It is now presented online on www.autographs.de and on ILAB.org by permission of Eberhard Köstler (Köstler Autographs) and Wolfgang Mecklenburg (J. A. Stargardt).

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