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"Tempora mutantur ..." Veränderung und Wandel im antiquarischen Handel

Eberhard Köstler, President of the German Antiquarian Booksellers' Association, has been an antiquarian bookseller and an autograph specialist for more than 30 years. He began his career in 1975, when he worked for Dr. Hans Schneider (Tutzing) during his summer holidays while studying classical Latin and Greek at the University of Munich. "At that time the German rare book trade was dominated by large companies with many employees and long traditions dating back to the 19th and early 20th century, such as Ackermann and Woelfle in Munich, Kistner in Nuremberg, Steinkopf, Neidhardt, Eggert and Kocher-Benzing in Stuttgart, Stenderhoff in Münster, Koch in Berlin or the "Hamburger Bücherkabinett" of Dr. Maria Conradt. The "golden age" of the antiquarian book trade seemed to be stable and successful. Radical changes were unthinkable." From 1988 to 2000, Eberhard Köstler had worked as an auctioneer at the Munich auction house Zisska, Schauer & Co., before he established is own business in 2000 and became VDA President in 2006. Within these years the rare book trade experienced a revolution which was totally unexpected by the elder generations of antiquarian booksellers.
Published on 23 Sept. 2018
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By Eberhard Köstler


Eberhard Köstler, President of the German Antiquarian Booksellers’ Association, has been an antiquarian bookseller and an autograph specialist for more than 30 years. He began his career in 1975, when he worked for Dr. Hans Schneider (Tutzing) during his summer holidays while studying classical Latin and Greek at the University of Munich.

At that time the German rare book trade was dominated by large companies with many employees and long traditions dating back to the 19th and early 20th century, such as Ackermann and Woelfle in Munich, Kistner in Nuremberg, Steinkopf, Neidhardt, Eggert and Kocher-Benzing in Stuttgart, Stenderhoff in Münster, Koch in Berlin or the “Hamburger Bücherkabinett” of Dr. Maria Conradt. The “golden age” of the antiquarian book trade seemed to be stable and successful. Radical changes were unthinkable.

From 1988 to 2000, Eberhard Köstler had worked as an auctioneer at the Munich auction house Zisska, Schauer & Co., before he established is own business in 2000 and became VDA President in 2006. Within these years the rare book trade experienced a revolution which was totally unexpected by the elder generations of antiquarian booksellers.

The big traditional names largely disappeared, many companies closed their shops and minimized their staff. Large stocks of cheaper books, former reference libraries or the whole properties of former bookselling companies were auctioned for some reason or other. Antiquarian book fairs became meeting places for bibliophiles rather than market places where you can make a large part of your annual revenue. Instead of publishing catalogues dealers nowadays rely on the internet which has caused a massive decrease in book prices. And let’s face it: The rare book dealers as well their customers are getting old. The average age of a member of the German Antiquarian Booksellers’ Association is 57! Where are the younger generations?

Is “the book” dead, and with it the rare book market? This is not the first crisis the antiquarian book trade has to face since its beginnings centuries ago, says Eberhard Köstler, in an article written for the Festschrift “100 Jahre Maximilian-Gesellschaft 1911 bis 2011“.


"Tempora mutantur ..." Veränderung und Wandel im antiquarischen Handel


Es mag im Sommer 1975 gewesen sein, als ich zum ersten Mal meine Pennälernase durch die Tür eines Antiquariats steckte und die Witterung alter Bücher, Musikalien und Papiere aufnahm. Es roch gut und die intellektuelle Höhenluft ließ die eingeengte Gymnasiastenbrust freier atmen. Ich kam aber nicht etwa als interessierter Käufer, sondern als Ferienaushilfe ins Musikantiquariat Hans Schneider, um dort mein bescheidenes Taschengeld mit nicht allzu schwerer Arbeit aufzubessern. Hans Schneider stand im Zenit seines Erfolges, führte ein großes und gastfreundliches Haus und verstand es glänzend, meine Neugierde für seinen Beruf zu wecken. In den nächsten Ferien durfte ich wiederkommen, in den folgenden Semesterferien ebenso und so wurde aus mir so etwas wie ein antiquarischer Werkstudent. Nun durfte ich die Kataloge studieren, die Hans Schneider in großer Zahl aus aller Welt erreichten, ich besuchte Antiquare und Bibliotheken in München und in den Städten, die ich bereiste, und bald auch die Stuttgarter Antiquariatsmesse und das Fortbildungsseminar für Antiquare .

Damals, vor dreißig Jahren, bot die deutsche Antiquariatslandschaft ein relativ geschlossenes Bild. Sie wurde beherrscht von großen Firmen mit zahlreichen Mitarbeitern und überwiegend langer Tradition, die entweder bis ins 19. und frühe 20. Jahrhundert zurückreichte oder sich in den über dreißig Jahren seit Kriegsende durch den Konjunkturaufschwung und andere glückliche Zeitgeschehnisse zu solider Stabilität entwickelt hatte. In München gab es Ackermann und Wölfle sowie Kitzinger, in Nürnberg Kistner, in Stuttgart Steinkopf, Müller & Gräff, Neidhardt, Eggert und Kocher-Benzing, in Münster Stenderhoff, in Hamburg das "Bücherkabinett", in Berlin Koch, in Wien Gilhofer, in Basel das Erasmushaus, um nur einige zu nennen. In Amerika machten H. P. Kraus und Bernd H. Breslauer die ganz großen Geschäfte mit Handschriften und Drucken. Im Antiquariat schien sich wenig ändern zu wollen und das Wenige vollzog sich auch nur sehr langsam.

Ein Blick auf die heutige Antiquariatslandschaft zeigt sehr schnell, dass sie sich vollkommen anders darstellt als noch vor dreißig, zwanzig, ja sogar noch vor zehn Jahren.

Die großen Traditionsfirmen sind weitestgehend verschwunden oder zumindest stark geschrumpft, viele Ladengeschäfte sind oder werden bald geschlossen, große Antiquariatslager wurden aufgelöst und versteigert, Firmen mit mehreren Mitarbeitern oder gar Ausbildungsplätzen sind Raritäten geworden.

Auf der anderen Seite sind zu den traditionellen Vertriebswegen für Antiquare, nämlich dem Ladengeschäft, dem gedruckten Katalog und der Messeteilnahme, durch die Entwicklung der elektronischen Medien neue Möglichkeiten zugewachsen: Das Internet bietet dem Antiquariat zahlreiche Plattformen, die zusammen so etwas wie einen gigantischen und immer aktualisierten Lagerkatalog bilden; eigene Internetseiten bieten bei guter Pflege so etwas wie einen Laden im virtuellen Raum; Adressen und Informationen über mögliche Interessenten, besonders über öffentliche Sammlungen und deren Bestände, sind durch eine einfache Suche schnell zu finden; direkte Angebote via E-Mail ersparen langwierige Postlaufzeiten und ermöglichen schnelles Reagieren auf Angebote.

Insgesamt hat es das Antiquariat recht gut verstanden, sich den jeweils wechselnden Strömungen und Ereignissen anzupassen, so wie es seine Anpassungsfähigkeit auch schon in früheren Jahrzehnten und schwierigen Wirtschaftslagen bewiesen hat. Freilich gehörte und gehört die eschatologische Beschwörung des Untergangs wie selbstverständlich als Begleitmusik zu dieser ständigen Wandlung.

In zahlreichen Gesprächen unter Kollegen während der letzten Monate konzentrierte sich die Diskussion über die Veränderungen und die mögliche Zukunft des Antiquariats auf einige wenige Hauptaspekte, die im Folgenden zusammengefasst werden sollen.


1) Bibliographische und biographische Recherche


Im Laufe der vergangenen zehn Jahre hat sich das Internet als großes und universelles Nachschlagewerk bewährt. Täglich kommen neue Informationsmöglichkeiten hinzu. Für den Antiquar hat das eine erfreuliche und eine unerfreuliche Seite. Die erfreuliche ist, dass er schnell an die von ihm benötigten Informationen herankommt: Er kann Bibliothekskataloge abfragen, Auktionsergebnisse in Tages- oder Stundenfrist in Erfahrung bringen, bibliographische und biographische Daten sammeln, Nachlässe orten, Adressen von Interessenten und Sammlungen ermitteln und vieles mehr. Die meisten dieser Wissensspeicher sind kostenlos oder für nur geringe Gebühren anzuzapfen. Vor der Ausbreitung des Internets benötigte der sorgfältige Antiquar eine umfangreich und geschickt aufgebaute Handbibliothek. Es galt: Je besser die Handbibliothek, desto besser der Antiquar. Diese Bibliothek verschaffte ihm die Überlegenheit im Wissen über weniger kundige Kollegen. Zugleich bildete die Handbibliothek die "Lebensversicherung" des Antiquars. Bei der Auflösung eines Geschäfts wurde sie als Letztes verkauft oder versteigert und warf in der Regel eine schöne Rendite ab, besonders, wenn über Jahre hinweg seltene Nachschlagewerke gesammelt worden waren.

Das Internet hat nicht nur Wissen aus vielen Gebieten leichter und für jedermann zugänglich gemacht, es hat auch durch die Digitalisierung vieler Buchinhalte die alte Handbibliothek entwertet oder ganz überflüssig gemacht. Am Wenigsten benötigt man heute ein vielbändiges Konversationslexikon: Wikipedia ist immer aktueller und schneller und wertet zudem historische Lexika wie den "Meyer" aus. Die "Allgemeine deutsche Biographie" und die "Neue deutsche Biographie" waren für den Antiquar eine Investition, die mehrere Tausende von D-Mark verschlang; heute sind beide Werke voll digital zugänglich und die Buchausgabe ist praktisch Makulatur. Dasselbe gilt für Wurzbachs unentbehrliches "Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich". Nur wenige Antiquare konnten sich ein Abonnement des VD16 "Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts" leisten; heute braucht man dank der Datenbankversion die vielen Bände nicht mehr. Dasselbe gilt für die zahlreichen Bibliographien und wissenschaftlichen Werke, die unter Wahrung oder Umgehung des Urheberrechtes mittlerweile digital zugänglich sind. Ein Teil der unentbehrlichen Handbücher wie etwa "Musik in Geschichte und Gegenwart", "Lexikon für Theologie und Kirche", "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" sind zu kleinen Preisen als CD-Rom verfügbar. Man kann sie auf die eigene Festplatte kopieren und benutzen, ohne ans Bücherregal treten zu müssen.

Es steht zu erwarten, dass sich die Zahl der digital zugänglichen Bücher in den nächsten Jahren weiter erhöhen wird. Damit hat die Handbibliothek des Antiquars sowohl als exklusives Arbeitsinstrument wie auch als Wertanlage weitgehend ausgedient.


2) Verkaufsplattformen für antiquarische Bücher


In Deutschland begann es mit einem Projekt dreier junger Berliner, die eine Internetfirma mit dem sperrigen Namen "Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher" (ZVAB) ins Leben riefen. Man begann mit wenigen Büchern und Antiquaren. Als die Zahl von 100 000 Büchern erreicht war, galt dies als Erfolg und Grund zum Jubeln. Heute sagt das ZVAB stolz von sich: "Über 4100 professionelle Antiquare aus 27 Ländern bieten auf zvab.com rund 30 Millionen antiquarische oder vergriffene Bücher [...] zum Kauf an."

Was zu Beginn wie ein zukunftsträchtiges Erfolgsmodell aussah, das es jedermann mit wenig Aufwand und Kosten ermöglichte, ein Versandantiquariat zu begründen und seine Angebote für jedermann sichtbar feilzubieten, stagniert inzwischen. Einer Aussage des ZVAB-Mitbegründers Bernd Heinisch zufolge wächst der Umsatz nicht, obwohl immer mehr Bücher angeboten werden. Die notwendige Folge ist, dass der statistische Durchschnittspreis pro Buch, aber auch der durchschnittliche Umsatz pro Händler, ständig sinkt. Antiquare stellen sich dem Preiskampf um das billigste Angebot; deshalb haben viele alte Lagerbestände mit häufigeren Büchern stark an Wert eingebüßt. Insgesamt haben die Verkaufsplattformen wie etwa ZVAB, Abebooks, Booklooker, Amazon etc. für antiquarische Bücher ein gigantisches Überangebot geschaffen, dem eine viel geringere Nachfrage gegenübersteht. Man muss kein Volkswirt sein, um die Folgen, die sich aus dem ungünstigen Verhältnis von Angebot und Nachfrage ergeben, abschätzen zu können.

Eine Behebung dieses Missstandes ist nicht in Sicht, die Verantwortlichen bei den Verkaufsplattformen haben keine Lösung parat.

Gleichzeitig hat die Suggestion, jedes Buch sei zu jeder Zeit durch einen Kauf im Internet erhältlich, zu einem gravierenden Rückgang bei den Besuchen in Ladengeschäften geführt: Warum soll man auch stöbern, wenn jederzeit alles verfügbar ist? Mancher Antiquar hat daraus bereits früh die Konsequenz gezogen, sich die Unannehmlichkeiten eines Ladengeschäftes wie Miete (und deren Erhöhung) und Unterhaltskosten oder die dauernde Anwesenheitspflicht zu ersparen und sein Geschäft, wie schon andere Kollegen vor ihm bis hinauf zu dem berühmten Bernd H. Breslauer, "von der Etage aus" zu betreiben. Wer könnte es verdenken - doch ist damit leider auch die Präsenz des Antiquariats in den städtischen Einkaufsstraßen viel kleiner geworden. Dass außer den Antiquaren auch viele andere kleine, aber interessante Detaillisten und Handwerke die guten Lagen in den Einkaufsstraßen zermürbt verlassen haben, um Bekleidungs- und Schnellbäckereiketten Platz zu machen, gehört nicht hierher, soll aber nicht gänzlich unerwähnt bleiben.

Die egalisierende Kraft des Internets hat auch die Wanderung der Bücher unterbrochen, die Handelskette aus der Flohmarktkiste über manche Umwege bis an die Spitze des Antiquariats erschwert. Die "Trüffelschweine" unter den Büchersuchern verkauften früher mangels Kundenkontakten gerne ihre Funde an den Antiquar ihres Vertrauens; heute ist es ein Leichtes, diese selbst im Internet anzubieten. Ob unter den obwaltenden Veränderungen damit aber mehr verdient ist als nach der alten Ordnung, kann bezweifelt werden. Zunächst vergrößert man damit nur das Überangebot im Netz, während der Antiquar früher nicht nur seinen Ankauf sofort bezahlt hat, sondern auch einen kaufwilligen Abnehmer in seiner Kartei vermutete.

Viele Antiquare ziehen die Schlussfolgerung: Da die frühere Alltags- oder Brotware wenig oder gar nichts mehr einbringt, spezialisieren sie sich auf das Außergewöhnliche, das Nichtalltägliche, denn hier sind die Preise stabiler oder steigend. Wir werden später darauf zu sprechen kommen, wie sich das bei den Buchversteigerungen auswirkt.

Büchersammler, insofern ihnen das Überangebot im Internet nicht nachhaltig die Lust an ihrem Sammelgebiet verdorben hat (was etwa bei deutscher Nachkriegsliteratur in Erstausgaben ziemlich vollständig der Fall sein dürfte), erfreuen sich der goldenen Zeiten: Viele Bücher sind so preiswert zu erhalten wie seit Jahrzehnten nicht mehr, wenn man bereit ist, sich ohne fachliche Beratung durch das riesige Angebot zu quälen und dabei auch noch immer die Preise zu vergleichen. In den Ladengeschäften, bei Besuchen und am Telefon hatte man früher gerne die Antiquare als Ansprechpartner und Helfer, sie waren dem Sammler so etwas wie die Heinzelmännchen von Köln: Ach, wie war es doch vordem mit Antiquaren so bequem. Heute heißt es hingegen: "man muss nun alles selber tun [...] Ach, dass es noch wie damals wär, Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her.


3) Antiquariatsmessen


Die anscheinend omnipräsente Verfügbarkeit antiquarischer Bücher im Netz hat auch auf den Antiquariatsmessen ihre Spuren hinterlassen. Die erfolgreichste und älteste der deutschen, ja der kontinentalen Messen, die "Stuttgarter Antiquariatsmesse", findet 2011 zum 50. Male statt. Sie hat als einzige deutsche Messe nicht unter dem Schwund von Besuchern und Ausstellern zu leiden.

Allerdings: Glaubt man jenen Ausstellern, die einige Jahrzehnte dieser Messe überblicken, hat sie sich in den vergangenen Jahren immer mehr zum Treffpunkt und zum Schaufenster des Antiquariats entwickelt, während die unmittelbar auf der Messe getätigten Umsätze zurückgegangen sind oder sich zumindest zeitlich ins Nachgeschäft verlagert haben. Bis in die achtziger Jahre hinein sammelten Antiquare die interessantesten Ankäufe übers ganze Jahr, um sie dann exklusiv auf der Messe zu präsentieren und an ihre Kunden zu bringen. Die Rechnung ging auf: Am Eröffnungstag strömten, ja rannten die Kauflustigen zu den Händlern, um die begehrtesten Stücke zu erwerben.

Heute nützt man mehr die Möglichkeiten der Internetangebote, neuerdings auch wieder verstärkt die des Katalogs oder der gedruckten Liste, um seine Neuerwerbungen schneller bekannt zu machen. Eigene Webseiten und der E-Mailversand von Hinweisen, Angeboten und Listen können den Lagerumschlag beschleunigen und verteilen das Zimelienangebot weg vom Messetermin über das ganze Jahr. Hinzu kommt, dass außer in Stuttgart auch in anderen Städten Antiquariatsmessen abgehalten wurden und werden; da war und ist es für die Aussteller unmöglich, in kurzer Abfolge immer wieder ein für die Kunden ganz neues attraktives Angebot bereitzuhalten. Dennoch macht die Stuttgarter Antiquariatsmesse aufgrund ihres qualitätvollen Angebots und der geballten Fachkompetenz ihrer Aussteller noch gute Figur, während gerade im verflossenen Jahr etwa die Messen in Berlin, Hamburg, Köln, München, Leipzig und sogar im oft gelobten Frankfurt weniger Aussteller und Besucher angezogen haben, ja teilweise sogar abgesagt wurden.


4) Demographisches


Die einschneidendsten Veränderungen hat das Antiquariat in den letzten Jahren und Jahrzehnten indes nicht durch den Einfluss der elektronischen Medien erlebt, sondern durch demographische Faktoren. Nicht nur die gesamte deutsche Gesellschaft ist überaltert, wie immer wieder beklagt wird, sondern dieses trifft noch in erhöhtem Maße auf Antiquare und ihre Kunden zu.

Von den ca. 260 Mitgliedern im "Verband deutscher Antiquare", die ich als Vorsitzender recht gut überblicke, ist so gut wie keiner unter 30, sehr wenige unter 40, den weitaus größten Anteil stellen Antiquare zwischen 50 und 70. Das Durchschnittsalter im Jahre 2010 betrug ca. 57 Jahre. Für die Kunden liegen statistische Erhebungen nicht vor, doch dürfte sich die Alterspyramide ähnlich aufbauen. Damit sind wir wesentlich älter als der Bundesdurchschnitt, dessen Alter mit 43 Jahren beziffert wird. Die Folgen liegen auf der Hand: Wenn es uns nicht gelingt, jüngere Käufer zu mobilisieren und jüngere Händler auszubilden und aufzunehmen, werden wir in acht Jahren im Durchschnitt die Ruhestandsgrenze von 65 Jahren erreicht haben. Damit setzt sich dann eine Tendenz aus den letzten beiden Jahrzehnten ungemindert fort.

Es ist gut möglich, dass sich Versäumnisse der Vergangenheit in nicht allzu ferner Zukunft negativ auswirken und das Antiquariat, so wie wir es in den vergangenen Jahrzehnten kennen und schätzen gelernt haben, ausstirbt wie weiland die Dinosaurier. Die "Pflege des Nachwuchses" wurde im Antiquariat noch nie groß geschrieben. Wie ein prominenter Antiquar der nun abgetretenen Generation zu sagen pflegte: "Wir gehen nicht zum Kunden, der Kunde kommt zu uns!" Dieser Grundsatz dürfte heute ziemlich ausgedient haben.

Die größten Verluste hat das traditionelle deutsche Antiquariat nicht durch wirtschaftliche Veränderungen oder das Internet hinnehmen müssen, sondern durch Ruhestand, Geschäftsaufgabe aus Altergründen oder, traurig, aber wahr, durch den Tod bedeutender Kollegen. Sehr oft hat der Wechsel von einer Generation zur nächsten nicht stattgefunden oder war erfolglos. So verschwanden und verschwinden die "alten Garden", nämlich die bestimmenden Antiquare der Nachkriegszeit. Als wenige Beispiele seien nur das Hamburger Bücherkabinett, das Hamburger Antiquariat, das Antiquariat Hans-Horst Koch (Berlin), das Antiquariat Ackermann (München) oder das Antiquariat Gilhofer (Wien) genannt.

Es ist nicht so, dass keine neuen Antiquariatsfirmen gegründet würden, im Gegenteil, aber auch die Neugründer außerhalb unseres Verbandes rekrutieren sich zumeist aus "Seiteneinsteigern" oder Berufswechslern, deren Alter meist über vierzig liegen dürfte. Allerdings gibt es auch kaum mehr Ausbildungsmöglichkeiten, denn mit den erloschenen Firmen ist die größte Anzahl der Ausbildungsplätze dahingegangen. Die meisten deutschen Antiquare der Gegenwart führen ihr Geschäft alleine oder mit einem Partner, jedoch ohne angestellte Mitarbeiter. Lediglich die Buchauktionshäuser bilden hier eine Ausnahme.

Vermutlich sieht es im internationalen Vergleich nicht sehr viel anders aus, soweit man es von hier aus überblicken kann. Firmen wie Quaritch in London bilden auch dort eher eine Ausnahme. Dort übrigens ist der Übergang an eine nächste jüngere Generation erfolgreich vollzogen worden, auch wenn der Shareholder nun ein junger asiatischer Investor ist. In Italien hält zum Beispiel Umberto Pregliasco die Familien- und Firmentradition aufrecht, in Deutschland tun dies Wolfgang Mecklenburg, Clemens Reiss und Max Neidhardt, um nur einige zu nennen. Umso mehr sind diese Ausnahmen Hoffnungsträger für die Zukunft.


5) Auktionen


Wie bereits erwähnt, scheint vielen Antiquaren die Rettung vor der fortschreitenden Entwertung der häufiger vorkommenden Bücher darin zu liegen, sich auf seltenere Gebiete und Bücher zu spezialisieren. Die Auktionen, die in der Regel ein breiteres Angebot an relativ seltenen Büchern vom etwas angehobenen Preis bis zum Spitzenobjekt führen, haben deshalb sehr guten Zulauf und erzielen immer wieder überraschende Gesamtergebnisse. Abgesehen von sehr kurzfristigen Schwächen, erfreuen sie sich steigender Erfolge. Allerdings betrifft das nicht alle Gebiete des Antiquariatshandels im gleichen Maße. Es ist immer wieder überraschend, wie stark sich Moden und Vorlieben, aber auch Veränderungen in der Gesellschaft und ihren Bildungsinteressen in den Auktionsergebnissen niederschlagen. Es wäre einmal interessant, die Preisveränderungen bei einzelnen Sammelgebieten in einem Diagramm darzustellen, also so wie Währungs- und Börsenkurse. Es würde sich schnell zeigen, wo die stabilen und die leicht veränderlichen Gebiete liegen. Ich will versuchen, eine Momentaufnahme aus dem Herbst 2010 zu geben. Viele Details und Einblicke verdanke ich hierbei meinem Münchner Kollegen, dem Versteigerer Herbert Schauer.

Als stabil und krisenresistent erweisen sich demnach Inkunabeln und Alte Drucke, die sogar im Stande sind, immer neue Kunden anzulocken. Auch Pressendrucke und gute Atlanten gehören in diese Reihe. Stabile Werte behielten auch Bücher zu Technik und Handwerk sowie die Kunst- und Künstlerbücher des 20. Jahrhunderts. Bei den illustrierten Naturwissenschaften erzielen die Spezialdisziplinen der Zoologie gute Preise, eine wohl kurzfristige Schwäche bei botanischen Werken scheint fast überwunden. Was in irgendeiner Weise mit Photographie zu tun hat, hat momentan ebenso Hochkonjunktur wie wichtige philosophische Ausgaben, besonders aber die Werke von Friedrich Nietzsche. In den letzten Jahren erzielte man mit Reiseliteratur steigende Preise. Hier könnte der Zenit erreicht oder bereits überschritten sein.

Damit kommen wir zu den Verlierern der antiquarischen Börsennotierungen, wie sie sich auf Auktionen gegenwärtig darstellen. Ältere deutsche Literatur hat im Wert stark verloren, es sei denn, sie läge in prunkvollen Einbänden vor. Für ältere medizinische Literatur gibt es kaum Sammlernachwuchs; ob hier die Veränderungen im Gesundheitswesen eine Rolle spielen, kann nur vermutet werden - offenbar bleibt dem Arzt weniger Muße als früher, um sich mit der Geschichte seines Fachs zu beschäftigen. Bücher und Quellenwerke zur deutschen Geschichte sowie zur Orts- und Landeskunde sind schon seit Jahren schwer und nur zu vergleichsweise niedrigen Preisen zu verkaufen. Deutsche Geschichte vor 1933 sowie Regionales spricht nur noch Wenige an. Schon lange am Boden sind Preise für Genealogie, Heraldik und Militaria; einst gesuchte Preziosen. Nur Pferdebücher und Falkenjagd stoßen auf Interesse, seit einige Antiquare Kundenkontakte in die reichen arabischen Emirate geknüpft haben. Insgesamt scheinen die Bücherkäufer kritischer zu sein als früher, was Vollständigkeit, Erhaltung und Provenienz der Bücher betrifft. Bücher mit prominenter oder auch nur nachvollziehbarer Herkunft erfreuen sich großer Beliebtheit.

Ohne genaue Prognosen geben zu können, kann man erwarten, dass sich auch in Zukunft das Interesse an einzelnen Themen des antiquarischen Angebots verändern oder verschieben wird. Es bleibt also spannend, die Auktionen und ihre Ergebnisse zu beobachten.


6) Bildung


Es ist schwer zu sagen, wie sich das allgemeine Bildungsniveau auf die Kauflust im Antiquariat auswirkt. Bücherliebhaberei ist öfter in den Eliten verbreitet und dort gehört eine gewisse Bildung zur selbstverständlichen Ausstattung und Voraussetzung zur Weltläufigkeit. Auch wenn Frankreich, Italien und Spanien in der letzten PISA-Studie schlechter abgeschnitten haben als Deutschland, so ist doch jeder Besucher oder Aussteller einer dort stattfindenden Antiquariatsmesse verwundert über das hohe Bildungsniveau der einheimischen Interessenten und Kunden. Wer in diesen Ländern etwas auf sich hält und eine gesellschaftlich respektable Stellung einnehmen will, kennt nicht nur Weine, Rennpferde, Sportwagen und Golfregeln, sondern ist auch in der Welt der Kunst, des Theaters, der Musik, aber auch in der Kultur des Buches wie selbstverständlich zu Hause. Im gesellschaftlichen Spiel der Konversation wird schnell klar, wer dazugehören darf und wer nicht. Dennoch kann man auch dort ein Nachlassen der Kenntnis biblischer Geschichten und antiker Mythologie beobachten. Auch die Lesefähigkeit alter Sprachen, älterer Druckschriften (in Deutschland Fraktur) oder bei älterer ungewohnter Handschriften (in Deutschland Kurrentschrift) hat nachgelassen. Um so mehr muss hier der Antiquar in seiner Beschreibung und mit seinen Erläuterungen Hilfestellung und Ermutigung geben.

Der universale Bildungsgedanke, wie ihn das Humboldt'sche Universitätsmodell für Deutschland ideal verkörpert hat, ist nicht nur aus der Mode gekommen, es arbeiten nicht nur Zeitströmungen, sondern die gesamte Bildungspolitik dagegen an. Alle Ausbildungen sollen schneller und stärker spezialisiert abgeschlossen werden. "Allgemeinbildung" ist wenig nachgefragt und noch weniger gefördert. Das wirkt sich auch auf die Nachfrage am Antiquariatsmarkt aus. Man kann geradezu als Regel postulieren: Je spezieller das Thema eines Buches ist, desto besser verkauft es sich - je allgemeiner, desto weniger Interesse kann es beanspruchen. Schöne Literatur, Ideengeschichte, Sozialgeschichte, ja sogar Wirtschaftsgeschichte haben in einem neuen, spezialisierten Bildungskanon wenig Platz und gelten dort als exotischer Luxus. Lediglich im schönen Gewand, wenn etwa die vergoldeten Lederrücken wie lackiert glänzen, sind solche Bücher als Dekoration akzeptiert.

Es weht dem Antiquariat also aus verschiedenen und wechselnden Richtungen ein scharfer Wind ins Gesicht. Die Veränderungen der letzten Jahrzehnte werden nicht die letzten sein, es werden wahrscheinlich noch gravierendere folgen. Es steht zu vermuten, dass die Branche, so wie wir sie bisher kennen, in den nächsten zehn Jahren ihr Gesicht vollständig verändert haben wird. Ob zu ihrem und zu unserem Vorteil, bleibt abzuwarten.

Insgesamt aber hat es das Antiquariat als gesamte Branche heute wahrscheinlich nicht schwerer und nicht leichter als in vergangenen Zeiten. In den letzten hundert Jahren hat es viel schwierigere Krisen zu meistern gehabt als momentan. Kriege, Inflationen, schwerste Wirtschaftskrisen wollten überstanden sein. Verglichen mit solchen Katastrophen nehmen sich die Veränderungen der letzten drei Jahrzehnte relativ harmlos aus. Manche Wege, erfolgreich mit alten Büchern zu handeln, sind zwar inzwischen weitgehend versperrt, andere aber haben sich neu eröffnet. Wenn es das Antiquariat wie bisher schafft, sich auf dem Boden und im Bewusstsein seiner Traditionen ständig zu wandeln, besonders aber sich einer jüngeren Generation der 30-40-Jährigen zuzuwenden, um die besorgniserregende Überalterung aufzuhalten, wird die Branche auch in Zukunft Bestand haben. Der öfter beschworene Untergang dürfte dann noch auf weitere Jahrzehnte oder Jahrhunderte verschoben sein.

Published in: 100 Jahre Maximilian-Gesellschaft 1911 bis 2011. Hrsg. im Auftrag der Gesellschaft von Wulf D. v. Lucius. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft, 2011. The article is presented here by permission of the author. The pictures were taken at the Stuttgart Antiquarian Book Fair in the early 1960s.

>>> Maximilian-Gesellschaft


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